Dieser schöne Wahnsinn. Wir stellen uns vor ...

Was uns von anderen Chören unterscheidet: Im Wesentlichen nichts. Drei Stimmen, ein Dirigent, ein Pianist und jede Menge interne Querelen. Dem Austauschbedürfnis der Sängerinnen Herr zu werden, ist tückisch - den Dompteuren steht zuweilen der Schweiß auf der Stirn. „Die Damen, Disziplin!“ rief weiland Chorleiter Willner und schickte strenge Blicke. Nachfolger Dietmar Loeffler weiß die Früchte des harten Vorgänger-Regiments zu schätzen und schließt locker an.

Der erste Sopran, das sind Geschöpfe, die blond und ehrgeizig sind, Traumfiguren durch tägliches Turnen, jüngere Liebhaber sowie Leitungsfunktionen inne haben und mit dem Chorleiter was anfangen. Das hat nichts mit dem Alter zu tun, denn wie in jedem Chor, so steht auch hier junges Gemüse neben alten Jahrgängen im Regal. Während der Alt zwischen den Liedern die Tabelle der zweiten Liga erörtert, sind die Gesprächsthemen in diesen Reihen schöngeistiger Natur („... die den Wind liebt und Rosen und Geigen“). Fußball ist zwar ein Dauerthema im Damenchor, die meisten der Sopranistinnen allerdings wurden kaum je im Stadion des Lieblingsvereins gesehen. Ach, dieses Gebrüll, und dann immer der Abstiegskampf! Auf Verlierer stehen sie gar nicht, und zu ausgiebiges Stehen ist außerhalb von Bühnen eh nicht gut für Füße Größe 36. Die Soprandamen sind gern die Besten, und auch die mit den schönsten Beinen. Zu diesem Zweck sind regelmäßige chirurgische Eingriffe an Zehen, Beinvenen und Kniegelenken notwendig, was die Gesamtdynamik des Ensembles zuweilen limitiert. Doch mit ihrem Ehrgeiz machen die Damen der ersten Stimme jedes Handicap wett. Der Chef spricht: „Jetzt noch ein bisschen weniger militärisch, dann seid ihr super.“

Der zweite Sopran: Eine heitere Gemengelage aus Tonlagen, die gelegentlich nicht wissen, wo sie hingehören. Hier trällert der Wandsbek-Block und die Bergedorf-Clique, die Hälfte der Sabinen und sämtliche Miras. Diese Damen singen mal links, mal rechts mit, sie können halt immer alles, und das auch noch verdammt gut. Umwerfend sehen sie allzeit aus, die Damen der Mitte. Und da sie genau dort auch stehen, sind sie immer hervorragend im Bilde, egal, welcher Fotograf draufhält. Da kommt hübsch was zusammen fürs Familienalbum: Ich auf der Stadtparkbühne. Ich im St.-Pauli-Theater. Ich im Kongresszentrum Hannover, in Husum, Fuhlsbüttel, Norderstedt, Dechow, Oberhausen, Bienenbüttel ... Doch nicht jedes Foto ist als Anschauungsmaterial für die Nachkommen geeignet. In der Generalprobe steht der zweite Sopran nach drei Stunden Probe wie ein Schluck Wasser in der Kurve, hat jegliche Haltung verloren und sucht auf dem Fußboden die Töne. „Der Alt ist heute irgendwie knackiger als ihr“, kommentiert der Maestro derartige Zustände. Diese haben selbstverständlich ihre Gründe: Manch eine Dame kommt aus Wentorf, Ammersbek oder Kiel angereist, hat einen langen Arbeitstag hinter sich oder ist noch (oder bereits) alkoholisiert. Doch wenn der Vorhang sich öffnet, dann singt die Mittelstimme, als lebte sie nur für diesen Moment. Der Chef spricht: „Na, geht doch!“

Der Alt, das sind traditionell die Coolsten. „Wir werden tanzen, bis wir alle Knochen spüren!“ Hier stehen die Damen, die die Party gemeinhin als Letzte verlassen (wenn sie nicht vorzeitig am Tresen stehend eingeschlafen sind), die schmutzigsten Witze kennen und auch einem Dirigenten mal weinselige Liebesgeständnisse machen, während der eigene Gatte daheim mit den Kindern Mathe übt. Hier ist echte Leidenschaft zu Hause, und das andere Geschlecht wird im Probenalltag fallweise schon vormittags unsittlich berührt. Ist gar nicht so gemeint! Man kann sich ja nicht konzentrieren, wenn Chorleiterhosen nicht richtig sitzen und aberwitzige Einblicke gewähren. Die Alt-Damen sind Frauen der Tat - Probleme werden direkt geklärt, Ungewissheiten ausgeräumt. Meistens. Manches Rätsel bleibt indes ungelöst: Wo setzen wir ein? Wo ist mein Kittel? Wen liebt der Pianist? Wann kommt der Bus? Wo bleibt Jane?

Niedertracht und Konkurrenz - niemals unter Alt-Frauen! Tonale Unklarheiten oder textliche Wissenslücken werden gemeinsam und solidarisch bereinigt, und wer wie Frau W. die Hausaufgaben macht, lässt abschreiben, ganz klar. So ist der Alt gesanglich beinahe unerreicht. Präzision, Helligkeit in der Stimme und zarte Töne lernen die Damen auch noch.

Der Chef spricht: „Jugend forscht.